Emder Laufgemeinschaft e.V. - Radsport
Radtouristik-Fernfahrt Gran Fondo Internazionale MILANO-SANREMO 2010
Ein Bericht von Detlev Nolte
Mailand - San Remo. Welcher Rennradfahrer im Hobby-Bereich lässt da nicht seinen Gefühlen freien Lauf? Einmal die Strecke der Profis, die La Primavera (Fahrt in den Frühling), wie das Rennen der Profis genannt wird, zu fahren. Während das längste Tagesrennen mit 295 km Länge bei den Profis alljährlich im März ausgetragen wird, findet die Gran Fondo Internazionale der Hobbyfahrer stets Anfang Juni statt. Will ich mir das wirklich antun? Der Reiz ist da. Ja, ich will! Nach der Anmeldung gilt es einen ausreichenden Trainingszustand herzustellen, um diese Strapaze durchzuhalten.
6. Juni 2010, endlich ist es so weit. Eingebunden in das Kulessa-Team des Hessischen Rundfunks warte ich mit einer Teilgruppe vor unserem Hotel am Kongresszentrum in Mailand-Assago. Einige stehen bereits in vorderer Linie der Startaufstellung. Es ist 06:50 Uhr, wir fahren ebenfalls dorthin. Wir schließen auf und befinden uns im letzten Viertel der Startaufstellung. Man hat den Eindruck, wie man es von Rennpferden kennt. Hufe scharren, aufgeregt sein und dann der Gedanke, wann geht es endlich los. Ein irres Gefühl. Die Sicht nach vorne gerichtet. Endlich um 07:00 Uhr die Startfreigabe. Aus dem Kongresszentrum hinaus in Richtung Pavia. Erst einmal einen Kreisverkehr passieren. Aber Vorsicht! Im zweiten Kreisverkehr soll rechts ein Schlagloch sein. Sturzgefahr! Alles geht gut. Prima, nichts passiert. Mein Garmin streikt. Ich bemerke das zu spät. Er hat sich aufgehängt. Das Gerät wird neu gestartet. Die Zeit beginnt ab jetzt zu zählen. Es fehlen die ersten Kilometer in der Aufzeichnung.
Die ersten zwei Stunden verlaufen im Peloton recht angenehm. Die Durchschnittsgeschwindigkeit bei dieser Gruppe lag in diesem flachen Teil der Tour um 38 km/h. Man konnte sich im Wind abwechseln. Nur einige drückten sich vorne zu fahren. Lutscher! Am Wegesrand waren viele platte Reifen zu beklagen. Zwangspause für diese Rennradfahrer. Aber die schlechten Straßen mit ihren Schlaglöchern verlangten ihren Tribut. Und dieses sollte verstärkt bis zum Passo del Turchino so bleiben.
An Voghera, Tortona und Ovada vorbei in Richtung Campo Ligure. Kurz nach Novi Ligure nach rd. 100 km schon gefahren löst sich eine Gruppe von ca. acht bis zehn Fahrern aus dem Pulk. Fahre ich mit? Kurzes Überlegen. Ich entscheide mich und klinke mich ein. Die Geschwindigkeit erhöht sich. Zuerst 40 km/h, um danach mit einem 45er Schnitt weiter zu fahren. Was soll das? Habe ich die richtige Entscheidung getroffen? Das Tempo ist mir im Prinzip zu hoch. Typischer Anfängerfehler, über dessen Stadium ich eigentlich hinaus sein sollte. Nach einer guten Viertelstunde werde ich von meinem Körper bestraft. Inzwischen sind 107 km gefahren und ich bekomme einen Wadenkrampf, doch bleibe verschont, nicht anhalten zu müssen. Ich muss mich zurückfallen lassen. Noch vor Ovada werde ich von der nachfolgenden Gruppe einkassiert.
So, jetzt aufpassen. Du darfst keinen Krampf mehr bekommen. Lieber noch zwei Gels verzehren. Die Geschwindigkeit, die jetzt gefahren wird, ist in Ordnung - durchschnittlich 34 km/h Wir fahren in der Po-Ebene weiter. Bis Campo Ligure kann ich meine Wadenkrämpfe kontrollieren, ohne absteigen zu müssen. Plötzlich ist es vorbei. Es geht nicht mehr. Ich muss absteigen und durch dehnen versuchen, diesen Zustand wieder zu ändern. Das Feld zieht vorbei. Sch... Danach fahre ich weitgehend allein bis zur ersten Verpflegungsstelle. Wasser trinken, die Flaschen füllen, Bananen-, Apfelsinen- und Kuchenstückchen essen. Einfach nur erholen.
Mit Sportkameraden aus dem HR-Team fahre ich schließlich weiter. Im zeitlichen Verlauf holen mich die Wadenkrämpfe auf der Steigung des Passo del Turchino ein. Drei Mal absteigen ist bis zum legendären Turchino-Tunnel angesagt. Tunneldurchfahrt und dann der schöne Ausblick auf Genua. Nun geht es ca. 12 km hinunter. Eine grandiose Abfahrt. Aber was habe ich davon. Ich empfinde es nicht so berauschend. Ich lasse mich rollen. Nur keinen Krampf bekommen. Vielleicht noch etwas kurbeln. Etwas geht noch. So kann ich noch mit einer Geschwindigkeit von 40 km/h hinunter fahren. Reihenweise werde ich von anderen Teilnehmern überholt. Welch ein Frust.
In Genua-Voltri angekommen, sofort an der nächsten Kreuzung wieder ein Krampf. Na ja, das warst dann. Die nächste Bahnhofsstation anfahren und mit dem Zug nach San Remo fahren. Doch dann die Überraschung. Das Gewusel in den Straßen von Genua und den folgenden Orten lässt meine Waden entkrampfen. Ich kann wieder weiter fahren. Jetzt ein paar Gels. Die Option, jederzeit eine Bahnhofstation aufzusuchen, bleibt. Nur nicht den Anschluss verlieren. Genua-Crevari, 12:15 Uhr, 5:03 Stunden gefahren und 155 km zurückgelegt. Wenigstens 200 km schaffst du jetzt. Ab und zu ereilt mich wieder ein Krampf. Aufhören? Nein! Ich spreche mit mir. Wer hat es eigentlich zu sagen? Mein Wille oder mein Körper, der sich sporadisch aufbäumt? Die Antwort lautet, mein Wille. Da musst du durch. Nur nicht aufgeben. Diesen Gedanken überhaupt nicht mehr zulassen.

Abbildung: Der Verfasser des Berichts, Dr. Detlev Nolte von der ELG Radsportgruppe, dritter von rechts
An der Riviera entlang erreiche ich nach der zweiten Verpflegungsstelle Alassio Centre um 15:51 Uhr. Ich bin laut meinem Garmin 8:40 Stunden unterwegs und 234 km gefahren. Die Krämpfe haben sich inzwischen weitgehend verflüchtigt. Ich muss nicht mehr absteigen und kann mental meinen Körper wieder kontrollieren.
Das Schlimmste ist überstanden. Nun eine Gruppe suchen, mit der ich gegen den von vorne blasendem Wind fahren kann. Die Gruppe ist gefunden. Wir wechseln uns in der Führungsarbeit ab. Unterschiedliche Tempopassagen gestalten das Fahren entlang der Küste. Gefährlich sind jedoch die Ortsdurchfahrten. Es scheinen alle Verkehrsregeln außer Kraft gesetzt worden zu sein. Rote Ampeln und Zebrastreifen finden so gut wie keine Beachtung; sie werden einfach ignoriert. Aber auch die Polizei winkt uns durch. Dazu eine neue Erfahrung. Rechts fahren in den Ortschaften ist zu gefährlich für die Rennradteilnehmer. Auf die linke Spur gehen, an den im Stau stehenden Fahrzeugen vorbei. Entgegenkommende Fahrzeuge fahren äußerst rechts. Es bildet sich zwischen den Fahrzeugspuren eine Gasse in einer Breite von zwei Rennrädern.
Nur noch den Capo Mele und Capo Cerve überwinden. Eine Verpflegungsstelle noch. Dann wird es hart. Stehe ich das durch? Klar! Jetzt kommt nichts mehr dazwischen. Die Verpflegungsstelle ist erreicht. Flaschen mit Wasser füllen. Jetzt eine Cola, noch etwas essen. Bananen- und Orangenstückchen, etwas Süßes. Nach 10 Minuten Pause kann es um 16:33 Uhr weitergehen.
Die erste Herausforderung nach dem letzten Stop ist Capo Berta. Kurz vor der letzten Kurve lege ich eine Verschnaufpause ein. Zwei Minuten, dann weiter. Der Ort Imperia ist nicht mehr weit. Nun habe ich wieder meinen runden Tritt. Von Krämpfen keine Spur mehr, hochfrequent treten.
17:23 Uhr, 273 km gefahren, der 5,6 km lange Aufstieg nach Cipressa beginnt, der zu diesem Zeitpunkt auch von den Profis gefürchtet wird. 17:49 Uhr, an der Kontrollstelle vorbei, steil bergab. Mit bis zu 45 km/h und geschätzter Temperatur von 30° C fliege ich fast den Berg hinunter und werde für den quälenden Aufstieg belohnt. Wieder auf der Hauptstraße angekommen noch einmal vier Kilometer, um danach den Schlussanstieg zum Poggio aufzunehmen. Super Gefühl, du hast es bald geschafft. Es ist 18:16 Uhr, der Anstieg fühlt sich vergleichsweise leicht an. Lächerliche 3,7 km hinauf. Nun hat die Schinderei bald ein Ende. Um 18:36 Uhr ist der Poggio bewältigt. Ich befinde mich wieder auf der Hauptstraße in Richtung Ziel. Sechs Minuten später ist es nach 298 km erreicht. Ich durchfahre den Zielbogen. Meine Empfindungen sind kaum beschreibbar. Das Erreichte bewirkt ein hohes Maß an Zufriedenheit, gepaart mit einem großen Gefühl an Stolz.